Archiv für den Monat November 2012

„Alternativlos“

Sie habe es wieder gehört, sagte meine Frau heute morgen. Ein Vortragender bei ihrer gestrigen Schulung bezeichnete das Vorgehen des Gesetzgebers als „alternativlos“. Glückwunsch! Der Gebrauch dieses schmucklosen, technokratischen Adjektivs war die Eintrittskarte in diesen Beitrag und verhilft dem unbekannten Herrn zur Ehre, im Folgenden zusammen mit bekannten Personen des öffentlichen Lebens genannt zu werden.

Seit der Finanzkrise taucht das Wörtchen „alternativlos“ vermehrt in Begründungen und Reden deutscher Politiker auf und hat einen zweifelhaften Siegeszug angetreten. Bereits in der 212. Sitzung des Deutschen Bundestags am 20. März 2009 bezeichnete der Abgeordnete Max Straubing die Anhebung des Renteneintrittsalters als „unter diesen Gesichtspunkten (…) letztendlich alternativlos“. Für den Bundesgesundheitsminister war am 19. September des Folgejahres in der Fernsehsendung „Bericht aus Berlin“ „keine vernünftige Alternative“ zu seiner Gesundheitsreform denkbar. Die Rede der Bundeskanzlerin Dr. Merkel im Deutschen Bundestag vom 5. Oktober 2010 trug vermutlich besonders zur Verbreitung dieses harmlos erscheinenden Eigenschaftswortes bei. Sie fand „die zu beschließenden Hilfen für Griechenland (…) alternativlos, um die Finanzstabilität des Euro-Gebietes zu sichern“. Offenbar legen Journalisten diese Vokabel inzwischen sogar Politikern fälschlicherweise in den Mund. So soll die FDP-Landesvorsitzende von Baden-Württemberg Homburger in einem Interview Stuttgart 21 als „alternativlos“ verteidigt haben. Allein im sechsminütigen Interview findet sich hierfür kein Beleg.

Wenn ein Vorschlag, ein Vorgehen oder eine Maßnahme alternativlos, also ohne Alternative ist, dann besagt das, dass es keine „Anderes“, „Zweites“, „Gegensätzliches“ (lat. alter) dazu gibt oder dieses – wenngleich existent – zumindest sinnlos, nicht sachgerecht und nicht erwägenswert ist. Wird ein politisches Vorhaben als alternativlos bezeichnet, nachdem es Gegenstand einer Diskussion oder Debatte war, so mag diese Qualifizierung legitim sein indem sie den Endpunkt der Abwägung von Alternativen markiert. „Alternativlos“ in diesem Kontext ist eine zwar prägnante, aber auch verfälschende Kurzfassung von: „Alle Alternativen des Vorhabens führen zu schlechteren Ergebnissen und wurden daher verworfen“. Das heißt aber auch: Es gab also sehr wohl Alternativen.

Seine verheerende Wirkung entfaltet unser Unwort aber erst, wenn es bereits während der politischen Meinungsfindung fällt oder sogar davor – nämlich um die Suche nach Alternativen a priori zu verhindern und eine Diskussion im Keim zu ersticken. Dies umsomehr, wenn es hochrangige und tonangebende Politiker im Munde führen. Wenn das Resümée „alternativlos“ allzufrüh fällt, ohne das ein hinreichender Austausch von Argumenten vorausgeht, dann ist es schwer verdaulich und hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack. Aus einer Vokabel, die als Fazit einer Entscheidungsbegründung ihre Berechtigung haben mag, wird ein Pseudo-Argument innerhalb der Diskussion.

Es ist kein Zufall, dass es gerade im Zusammenhang mit den komplexen und (angeblich) zeitkritischen Fragestellungen der Finanzkrise von Regierungsseite in den Ring geworfen wurde. In solchen „Krisenzeiten“ sind Alternativen einerseits in kurzer Zeit bei großer medialer Aufmerksamkeit besonders schwer zu bewerten und andererseits sehr folgenreich. Die Entscheider fühlen sich starkem Handlungsdruck ausgesetzt und halten die eingeübten Verfahren der parlamentarischen Demokratie für zu langwierig, ja gefährlich. Ausgiebige Debatten mit der Opposition oder gar in den eigenen Reihen sind unerwünscht.

Im politischen Streit in einer Demokratie ist dieses „Argument“ aber geradezu absurd: Das Vorhandensein von Alternativen ist die notwendige Voraussetzung für die Sinnhaftigkeit von Parteien, Wahlen und Parlamentsdebatten. Welchen Sinn haben Debatten in einem Parlament, wenn nicht die Werbung für und Abwägung von Alternativen? Gerade in den „großen Fragen“ der Politik müssen Alternativen erkennbar sein und diskutiert werden. Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, dass eine „alternativlose“ Sichtweise tatsächlich ohne Alternative ist, dann werden Wahlbeteiligung und Interesse an der politischen Meinungsfindung weiter abnehmen.

Zum Schutze der Demokratie scheint mir die Verbannung des Wörtchens „alternativlos“ aus der politischen Diskussion alternativlos zu sein.

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Abspülen

Heute abend warteten neben Besteck, Tellern und Gläsern vom Abendessen noch einige Töpfe und Teller vom Mittagessen auf meine Tochter und mich. Bereits auf dem Weg in die Küche hatte sie verkündet, dass sie sich selbstverständlich nur für die Überbleibsel des Abendessens zuständig fühlte. Mittags habe sie ja schließlich nicht Tischdienst gehabt.

Ich begann abzuspülen, damit sich meine Tochter behutsam auf die Geschirrberge vorbereiten konnte, die sie gleich abzutrocknen hatte. So standen wir einige Zeit mit gesenkten Häuptern nebeneinander vor der Spüle und fügten uns dem Schicksal. Während sie gemütlich Messer und Gabeln mit dem Geschirrtuch trocken streichelte, schien sie ihren Ärger allmählich zu vergessen. Als ich im Geschirrkorb keinen Platz mehr für das gereinigte Geschirr fand und sie bat, doch etwas zügiger abzutrocknen, müssen ihr die beträchtlichen Geschirrmengen erneut zu Bewusstsein gekommen sein. „Papa, warum kaufen wir uns eigentlich keine Spülmaschine?“ Aha! Da war sie wieder – die Eine-Million-Euro-Frage.

Unsere Spülmaschine stellte vor etwa zwei Jahren ihren Dienst ein. Bis wir eine neue beschafft haben würden, mussten wir notgedrungen von Hand abspülen. Das taten meine Frau oder ich zusammen mit einem unserer Kinder: Einer wusch das Geschirr, der andere trocknete es ab. Das Radio blieb aus, die Küchentür fiel ins Schloß, und bei der leichten, Geist und Körper entspannenden Tätigkeit breitete sich eine überraschende Ruhe aus. Erfreut bemerkten wir in den ersten Tagen, dass häufig ein Zwiegespräch begann und unsere Tochter dabei erzählte, was sie am Tage bewegte, was sie bedrückte oder faszinierte. „Hätte Sie uns davon erzählt, wenn wir jetzt nicht hier stünden?“ fragten wir uns. „Warum spricht sie hier und jetzt darüber? Und nicht abends auf der Wohnzimmer-Couch oder am Frühstückstisch?“ Wir hatten das Gefühl, ohne Spülmaschine mehr von unseren Kindern zu erfahren. Zufällig war eine Insel der Ruhe und des Gesprächs im lebhaften Alltag einer kinderreichen Familie entstanden.

So kam es, dass sich bis heute keine neue Spülmaschine in unsere Wohnung verirrt hat und stattdessen die alte funktionsunfähig an ihrem Platz verharrte – allerdings zum gelegentlichen Leidwesen unserer Kinder wie heute, als meine Tochter mir ihre Frage stellte. „Weil es doch auch so geht“ erwiderte ich. „Aber ihr würdet doch Zeit sparen! Jetzt könntet ihr zum Beispiel …“. Es entsponn sich eine interessante Unterhaltung darüber, was es denn heiße „Zeit zu sparen“ und was man mit der „gesparten Zeit“ machen solle. Ich war überzeugt, nicht mehr und nichts Besseres als Michael Ende in „Momo“ zu diesem Thema sagen zu können. Trotzdem führte ich aus, dass für mich Abspülen oftmals geschenkte Zeit sei, und sich früher viele solche langweiligen, eintönigen Aufgaben ins Tagwerk der Menschen fügten und ihnen Zeit schenkte zum Entspannen, Reden, Nachdenken oder Geschichten-Erzählen.

Aber diese Erwachsenen-Klügeleien konnten eine zweite Angriffswelle meiner Tochter nicht verhindern. „Alle normalen Leute haben eine Spülmaschine. Wenn man allein lebt nicht. Bei zwei Personen kann man’s sich überlegen. Aber ab drei Leuten haben alle eine!“
Haben Meiers eine?
„Papa!? Ja!“
Weißt Du das?
„Natürlich! Ich hab sie ja mit Tina befüllt. Sogar Hansens haben eine – und die sind nur zu zweit!“
Hat sich eigentlich im Haus schon rumgesprochen, dass wir keine Spülmaschine haben?
„Ja.“