„Alternativlos“

Sie habe es wieder gehört, sagte meine Frau heute morgen. Ein Vortragender bei ihrer gestrigen Schulung bezeichnete das Vorgehen des Gesetzgebers als „alternativlos“. Glückwunsch! Der Gebrauch dieses schmucklosen, technokratischen Adjektivs war die Eintrittskarte in diesen Beitrag und verhilft dem unbekannten Herrn zur Ehre, im Folgenden zusammen mit bekannten Personen des öffentlichen Lebens genannt zu werden.

Seit der Finanzkrise taucht das Wörtchen „alternativlos“ vermehrt in Begründungen und Reden deutscher Politiker auf und hat einen zweifelhaften Siegeszug angetreten. Bereits in der 212. Sitzung des Deutschen Bundestags am 20. März 2009 bezeichnete der Abgeordnete Max Straubing die Anhebung des Renteneintrittsalters als „unter diesen Gesichtspunkten (…) letztendlich alternativlos“. Für den Bundesgesundheitsminister war am 19. September des Folgejahres in der Fernsehsendung „Bericht aus Berlin“ „keine vernünftige Alternative“ zu seiner Gesundheitsreform denkbar. Die Rede der Bundeskanzlerin Dr. Merkel im Deutschen Bundestag vom 5. Oktober 2010 trug vermutlich besonders zur Verbreitung dieses harmlos erscheinenden Eigenschaftswortes bei. Sie fand „die zu beschließenden Hilfen für Griechenland (…) alternativlos, um die Finanzstabilität des Euro-Gebietes zu sichern“. Offenbar legen Journalisten diese Vokabel inzwischen sogar Politikern fälschlicherweise in den Mund. So soll die FDP-Landesvorsitzende von Baden-Württemberg Homburger in einem Interview Stuttgart 21 als „alternativlos“ verteidigt haben. Allein im sechsminütigen Interview findet sich hierfür kein Beleg.

Wenn ein Vorschlag, ein Vorgehen oder eine Maßnahme alternativlos, also ohne Alternative ist, dann besagt das, dass es keine „Anderes“, „Zweites“, „Gegensätzliches“ (lat. alter) dazu gibt oder dieses – wenngleich existent – zumindest sinnlos, nicht sachgerecht und nicht erwägenswert ist. Wird ein politisches Vorhaben als alternativlos bezeichnet, nachdem es Gegenstand einer Diskussion oder Debatte war, so mag diese Qualifizierung legitim sein indem sie den Endpunkt der Abwägung von Alternativen markiert. „Alternativlos“ in diesem Kontext ist eine zwar prägnante, aber auch verfälschende Kurzfassung von: „Alle Alternativen des Vorhabens führen zu schlechteren Ergebnissen und wurden daher verworfen“. Das heißt aber auch: Es gab also sehr wohl Alternativen.

Seine verheerende Wirkung entfaltet unser Unwort aber erst, wenn es bereits während der politischen Meinungsfindung fällt oder sogar davor – nämlich um die Suche nach Alternativen a priori zu verhindern und eine Diskussion im Keim zu ersticken. Dies umsomehr, wenn es hochrangige und tonangebende Politiker im Munde führen. Wenn das Resümée „alternativlos“ allzufrüh fällt, ohne das ein hinreichender Austausch von Argumenten vorausgeht, dann ist es schwer verdaulich und hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack. Aus einer Vokabel, die als Fazit einer Entscheidungsbegründung ihre Berechtigung haben mag, wird ein Pseudo-Argument innerhalb der Diskussion.

Es ist kein Zufall, dass es gerade im Zusammenhang mit den komplexen und (angeblich) zeitkritischen Fragestellungen der Finanzkrise von Regierungsseite in den Ring geworfen wurde. In solchen „Krisenzeiten“ sind Alternativen einerseits in kurzer Zeit bei großer medialer Aufmerksamkeit besonders schwer zu bewerten und andererseits sehr folgenreich. Die Entscheider fühlen sich starkem Handlungsdruck ausgesetzt und halten die eingeübten Verfahren der parlamentarischen Demokratie für zu langwierig, ja gefährlich. Ausgiebige Debatten mit der Opposition oder gar in den eigenen Reihen sind unerwünscht.

Im politischen Streit in einer Demokratie ist dieses „Argument“ aber geradezu absurd: Das Vorhandensein von Alternativen ist die notwendige Voraussetzung für die Sinnhaftigkeit von Parteien, Wahlen und Parlamentsdebatten. Welchen Sinn haben Debatten in einem Parlament, wenn nicht die Werbung für und Abwägung von Alternativen? Gerade in den „großen Fragen“ der Politik müssen Alternativen erkennbar sein und diskutiert werden. Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, dass eine „alternativlose“ Sichtweise tatsächlich ohne Alternative ist, dann werden Wahlbeteiligung und Interesse an der politischen Meinungsfindung weiter abnehmen.

Zum Schutze der Demokratie scheint mir die Verbannung des Wörtchens „alternativlos“ aus der politischen Diskussion alternativlos zu sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s