Archiv für den Monat Dezember 2012

Ein Beck’s auf …

Dieses Werbeplakat sah ich vor einigen Monaten, als ich auf meine Bahn wartete. Nachdem ich den Titel ein erstes, danach ein zweites Mal gelesen hatte, wurde ich unsicher: Ist „Ein Beck’s auf … alle echten Boybands dieser Welt“ richtiges Deutsch? Es klingt ja unverdächtig. Aber müßte es nicht „Ein Beck’s auf … alle echte Boybands dieser Welt“ heißen? Und abgesehen vom Sprachgefühl: Warum ist welche der beiden Varianten richtig? Hmm …

Zunächst fragte ich mich, wo den eigentlich das Prädikat geblieben war in diesem Satz? Es ist ja kein Verb zu finden … Aha! „Ein Beck’s auf …“ ist als Kurzform von „Wir trinken ein Beck’s auf …“, „Lasst uns ein Beck’s trinken auf … !“ oder „Trinkt ein Beck’s auf … !“ zu lesen. Die Sprachwissenschaft spricht von einer Ellipse, weil das Verb „trinken“ ausgefallen ist und έλλειψη (elleipsē) „Mangel“ bedeutet. Solche Ellipsen kommen besonders in der gesprochenen Sprache gerne vor. Insgesamt stellt der Satz einen Aufruf- oder Wunschsatz dar – das ausgefallene Verb kann als im Imperativ stehend gedacht werden.

Wenn wir uns das transitive Verb „trinken auf“ dazudenken, dann muss das Objekt im Akkusativ stehen: Auf wen oder was trinken wir? Auf „echte Boybands“ – und nicht auf „echten Boybands“! Denn genauer betrachtet besteht das Objekt „echte Boybands“ aus dem Nomen „Boybands“ und dem Adjektiv „echt“, das als Attribut des Nomens gebraucht wird. Und gemäß der Regel

„Das attributive Adjektiv (Partizip) kongruiert in Kasus, Numerus und Genus mit dem Substantiv, dessen Attribut es ist“ (Duden „Grammatik der deutschen Gegenwartssprache“, G. Drosdowski (Hrsg.), 4. Auflage, Bibliographisches Institut, Mannheim, 1984)

steht das Attribut „echt“ wie das Nomen „Boybands“ im Akkusativ. Wäre dann also die Variante „Ein Beck’s auf … alle echte Boybands dieser Welt“ richtig?

Bisher haben wir aber das Wörtchen „alle“ übersehen, das neben Attribut und Nomen der dritte Bestandteil des Objekt ist. Das Zahladjektiv „alle“ macht aber gerade den entscheidenden Unterschied aus: Es bewirkt nämlich wie andere Zahladjektive (z.B. „einige“, „manche“ oder „mehrere“), der bestimmte Arktikel „der/die/das“ oder das Demonstrativpronomen „diese/-er/-es“, dass ein nachfolgendes Attribut lediglich schwach dekliniert wird und nicht stark, wie es ohne solche Begleiter der Fall ist. Das bedeutet, dass bei diesem schwachen Deklinationstyp nur die Endungen -e und -en vorkommen, während in der starken Deklination -er, -en, -em, -es und -e auftreten. Die deutsche Grammatik spricht bei der starken Deklination von der pronominalen oder determinierenden Deklination des Adjektivs und bei der schwachen von der nominalen oder attribuierenden Deklination. Deklinieren Sie doch zur Übung „kaltes Wasser“ und „das kalte Wasser“ durch und vergleichen Sie die Endungen des Attributs „kalt“:

Nominativ Sg.     kaltes Wasser        das kalte Wasser
Genitiv   Sg.     kalten Wassers       des kalten Wassers
Dativ     Sg.     kaltem Wasser        dem kalten Wasser
Akkusativ Sg.     kaltes Wasser        das kalte Wasser

Nominativ Pl.     kalte Wasser         die kalten Wasser
Genitiv   Pl.     kalter Wasser        der kalten Wasser
Dativ     Pl.     kalten Wassern       den kalten Wassern
Akkusativ Pl.     kalte Wasser         die kalten Wasser

Nun zurück zum Titel des Werbeplakats. Wie es im Akkusativ Plural „die kalten Wasser“ heißt, so ist auch „Ein Beck’s auf .. alle echten Boybands dieser Welt“ richtig. Ohne „alle“ müßte es hingegen „Ein Beck’s auf … echte Boybands dieser Welt“ heißen. In meinem Kopf hatten sich die beiden Deklinationsschemata vermischt. Diese Verwirrung meines Sprachgefühls findet aber ihr Spiegelbild in der linguistischen Analyse.

Die Trennlinie zwischen der starken und schwachen Deklination ist nämlich tatsächlich nicht so scharf wie man meinen könnte. Zunächst unterlag sie natürlich sprachgeschichtlichen (diachronen) Veränderungen. Aber auch im heutigen (synchronen) Sprachstandard gibt es eine „Grauzone“. So wird beispielsweise nach endungslosen Formen von Zahladjektiven wie manch oder solch stark dekliniert. Und nach kein ist eine Mischung Standard: Im Singular wird stark, im Plural schwach dekliniert. Ähnliche Mischungen finden sich auch bei anderen Zahladjektiven.

„Tschüss!“

Freudig strahlend reckte mein fünfjähriger Sohn die Hand der Wurstscheibe entgegen, die ihm die Verkäuferin über die Theke hinweg überreichte. Er hatte gehofft, dieses Mal nicht leer auszugehen – und war belohnt worden. Während er sein Geschenk entgegen nahm, wartete ich neben ihm auf die Reaktion, die wahrscheinlich alle Mütter und Väter in dieser Situation erhoffen.

Es war ja nicht etwa das erste Mal, dass wir beiden diese Situation erlebten. Ich hatte ihn schon einige Male daran erinnert, dass trotz der alles vergessen machenden Freude ein kleines Wörtchen des Dankes nicht fehl am Platze wäre, das er daraufhin auch immer bereitwillig der Fleischwarenfachverkäuferin entgegenbrachte.

In der Hoffnung, es würde dieses Mal keiner Erinnerung bedürfen, ließ ich ihm noch eine kurze Bedenkzeit. Mein Sohn betrachte still und zufrieden seine Beute. Aber das Lächeln verließ meine erwartungsfrohe Mine, als sich seine Hand langsam aber zielsicher seinem Munde näherte. Ich holte tief Luft. Als sich seine Lippen öffneten und der Wurstscheibe den Weg zu ihrem Bestimmungsorte frei machten, verließen mit gezwungen freundlichem Unterton die Worte „Und was sagt man da?“ meinen Mund.

Mein Sohn hielt inne. Er schloss seine Lippen, senkte den Arm und wandte seinen Blick mir zu. Erkennbar durchsuchte er seine Hirnwindungen: Was mag sein Vater wohl von ihm hören wollen? Er schaute zunächst mich, dann die Dame hinter der Theke an und sagte: „Tschüss!“