Archiv für den Monat Januar 2014

Chancengleichheit?

Kommende Woche beginnt für meine Tochter endlich das dreiwöchige Betriebspraktikum an der TU Berlin, auf das sie sich schon seit Monaten freut. Nach dem Berliner Schulgesetz soll es „zur Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung“ beitragen  (Berliner Schulgesetz i.d.F. vom 15.12. 2010, §4 Abs. 7). Ich erinnere mich noch gut, wie groß die Erleichterung für uns alle war, als sie nach langer Suche die Zusage für diese Stelle bekommen hatte.

Viele ihrer MitschülerInnen hatte damals nämlich längst einen Praktikumsplatz gefunden – und zwar fast ausnahmslos durch die beruflichen oder privaten Kontakte ihrer Eltern. Natürlich standen auch wir unserer Tochter mit Rat und Tat zur Seite. Da wir aber erst vor einem halben Jahr zugezogen waren, konnten wir nicht mit vielen nützlichen Kontakten aufwarten. Im übrigen betrachten wir die selbständige Suche nach einem Praktikumsplatz als wichtig und wünschenswert. Eine Schülerin oder ein Schüler sollte sich Gedanken machen, in welchem Bereich sie oder er tätig sein will, nach geeigneten Anbietern suchen und mit diesen Kontakt aufnehmen – also selbst anrufen oder eine e-mail formulieren. Diese Überlegungen und Tätigkeiten im Vorfeld das Praktikums gehören ganz wesentlich zur „Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung“.

Der Klassenlehrer hatte seine Hilfe lediglich ultima ratio angeboten. Natürlich ist es im Sinne der pädagogischen Zielsetzung, dass dieser Weg nur beschritten wird, wenn die eigenen Bemühungen der Schülerin und des Schülers nicht von Erfolg gekrönt waren. In der Praxis ist aber nicht der Einsatz des Schülers, sondern die elterlichen „Connections“ entscheidend.  Die Inanspruchnahme dieser Hilfestellung bedeutet somit das demütigende Eingeständnis, dass die Eltern „nicht gut genug sind“. Unsere Tochter jedenfalls empfand das so – und wurde mit jeder Absage unruhiger und unsicherer.

Nun könnte man natürlich defätistisch sagen: „Tja, so ist das Berufsleben eben: Vitam-B ist wichtig. Je früher die Schülerinnen und Schüler das lernen, umso besser.“ Dies kann aber in einer demokratischen Gesellschaft nicht die richtige Antwort. Ein Schulsystem, das junge Menschen zu mündigen, verantwortungsbewußten Mitbürgern erziehen möchte, darf sich so keinesfalls aus der Affäre ziehen.

Wie soll also Abhilfe geschaffen und für mehr Gerechtigkeit gesorgt werden? Beispielsweise könnte man einen Praktikumspool einrichten und Praktikumsplätze nach einem gerechten Verfahren vergeben. Aber was ist ein gerechtes Verfahren? Sollen Schulnoten entscheiden oder doch besser das Los? Ferner müßte man sicherstellen, dass Plätze nur über den Pool vergeben werden und keine Umgehung möglich ist. Soll es je Schule einen Pool geben oder besser in ganz Berlin nur einen einizigen, schulübergreifenden Pool, weil sich sonst die Anbieter von Praktika gezielt Schulen aussuchen würden?

Hmm, ich gewinne den Eindruck, dass ich auf dem Weg zur „dunklen Seite der Macht“ bin: Das wird eine aufwendige, kaum praktikable Lösung mit vagen Erfolgsaussichten. Vielleicht lautet die Wahrheit eben doch, dass die vieldiskutierte „Chancengleichheit“ in einer freien Gesellschaft nur in begrenztem Maße garantiert werden kann – jedenfalls in viel geringerem Umfange, als wir es wahrhaben wollen oder uns von den politischen Parteien erzählt wird. Der Gehalt von Schlagworten und Slogans wie „Bildungschancen“ , „Chancengleichheit“, „Gleichberechtigte Teilhabe“ und „Zugänge eröffnen in Ausbildung, Studium und Weiterbildung“ in den Wahlprogrammen der Parteien CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP zur Bundestagswahl 2013 erscheint mir jedenfalls fraglich.