Plädoyer für eine gemeinsame europäische Sprache

Europa sieht sich seit einigen Jahren mit Problemen konfrontiert, die die Errungenschaften der europäischen Integration bedrohen und eine Rückkehr zu nationalstaatlichen Lösungen verlockend erscheinen lassen. Im Zuge der Euro-/Schuldenkrise wurde der Austritt einzelner Länder aus der gemeinsamen Währung diskutiert. Einige Staaten wehren sich gegen die „Vergemeinschaftung“ von Schulden und lehnen eine europäsische Einlagensicherung ab. Ungarn errichtet wegen der Flüchtlinge Zäune an seinen Grenzen. Andere Länder führen wieder Grenzkontrollen ein. Das Schengen-System wird in Frage gestellt.

Doch kann die Renaissance der Nationalstaaten wirklich die Lösung sein? Nein. Wir wissen, dass es nicht weniger sondern mehr Europa braucht, um diese Herausforderungen zu meistern: mehr europäische Wirtschaft- und Finanzpolitik, mehr Kontrolle der europäischen Außengrenzen, mehr europäische Koordination zur Verteilung der Flüchtlinge. Globale Probleme können ohnehin bestenfalls von Europa, aber keinesfalls von einzelnen europäischen Nationalstaaten gelöst werden. Das führen uns die Kriege am Rande Europas in der Ukraine und in Syrien schmerzhaft vor Augen.

„Von oben“ läßt sich dieses „Mehr“ an Integration und Vertiefung indes nicht verordnen. Es ist nicht mit neuen europäischen Institutionen oder deren Erweiterung getan. Die EU im „fernen Büssel“ gilt vielen ohnehin als bürokratisch und abgehoben, obwohl sie sich mit ganz alltäglichen Dingen wie Glühbirnen und Treibstoffpreisen befasst. Nach einer Vielzahl an konkreten Krisenbewältigungsmaßnahmen der letzten Jahre wie Rettungsschirmen, Europäischem Stabilitätsmechanismus und Registrierungszentren für Flüchtlinge ist es nun an der Zeit, das Fundament in den Blick zu nehmen, auf dem die EU erbaut wurde: Die europäische Identität jedes einzelnen Europäers und die emotionale Bindung an unser gemeinsames Europa müssen gestärkt werden.

Die eingangs erwähnten Krisen haben eine europäsische Öffentlichkeit schmerzlich vermissen lassen. Eine Öffentlichkeit, die europäische Fragen europaweit diskutiert, gibt es nicht. Die Europäer diskutieren nicht gemeinsam miteinander, sondern in Nationalstaaten getrennt übereinander. Es gibt keinen europäischen Fernseh- oder Radiosender, kein europäisches „Heute Journal“, keine europäische Talk-Show und auch keine europaweite Tageszeitung. Stattdessen berichtet die deutsche „Tagesschau“ über den griechischen Rentner in Athen, und im griechischen Fernsehen diskutieren griechische Politiker über Frau Merkel und Herrn Schäuble.

Abgeordnete des EU-Parlaments und die EU-Kommissare können mit der Medienpräsenz ihrer nationalen Kolleginnen und Kollegen nicht konkurrieren. Martin Schulz als Präsident des Europäischen Parlaments oder der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, können trotz ihrer Auftritte in deutschen Nachrichtensendungen nicht die Leitmedien aller 28 Mitgliedsstaaten angemessen bedienen. Die europäischen Institutionen und Amtsträger sind in den Medien und damit im Bewußtsein der Europäer unterrepräsentiert.

Ich wurde in Australien gefragt, woher ich komme. Meine Antwort war: „Aus Deutschland“. Ebenso würden die meisten Franzosen wohl mit „Frankreich“ und die Italiener mit „Italien“ antworten. Wäre es nicht einleuchtend oder gar wünschenswert, dass Italiener, Deutsche und Franzosen diese Frage mit „aus Europa“ beantworten? Wäre das nicht auf der anderen Seite der Erdkugel, also im globalen Maßstab, die angemessene Größenordnung?

Was müssen wir tun, damit wir uns in Australien zuallererst als Europäer fühlen? Wie schaffen wir eine europäsische Öffentlichkeit, eine europäsische Medienlandschaft, in der europäsische Themen und Politiker angemessen repräsentiert und alle europäsischen Bürger miteinander diskutieren können? Wie läßt sich die europäische Identität stärken?

Uns Europäern fehlt eine ganz wesentliche, Identität stiftende Gemeinsamkeit: eine gemeinsame Sprache. Die Bedeutung der Sprachenfrage zeigte sich bereits am Anfang der europäsischen Einigung. Die erste Verordnung, die von der Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1958 erlassen wurde, befasste sich mit den Amts- und Arbeitssprachen. Europa verfolgte bisher den Ansatz, alle (wichtigen) Nationalsprachen gleichberechtigt zu bedienen. Derzeit gibt es 24 Amtsprachen, wovon Französisch, Englisch und Deutsch als „Arbeitssprachen“ eine besonders wichtige Rolle spielen.

Nun ist dieses Prinzip der Vielsprachigkeit aber an seine Grenzen gekommen. Ein europäsische Öffentlichkeit setzt eine gemeinsame europäische Sprache voraus, die alle Europäer sprechen und verstehen. Ein Teil der Schulunterrichts muss in dieser Sprache erteilt werden. Sie muss neben den Nationalsprachen Amtssprache in allen Staaten Europas sein. Die Etablierung eines deutschen Nationalstaats im 18. Jahrhundert wäre ohne das einigende Band einer gemeinsamen deutschen Hochsprache wohl nicht möglich gewesen. Gäbe es die Vereinigten Staaten von Amerika ohne die gemeinsame Sprache Englisch?

In der Geschichte des europäischen Kontinents dienten bereits Latein und Französisch der Verständigung. Singapur steht heute als multiethnischer Stadtstaat ebenfalls vor einer ähnlichen Herausforderung und etablierte Englisch als Verwaltungs-, Amts- und Unterrichtssprache zusätzlich zu den Muttersprachen Chinesisch, Malaiisch und Tamil. Sicherlich wird es eine Generation dauern, um in Europa eine gemeinsame Sprache zu etablieren. Dann aber wird ein grenzüberschreitendes Leben, Studieren und Arbeiten in Europa möglich sein. Europaweite Fernsehsender und Zeitungen werden alle Europäer erreichen können. Wenn sich junge Italiener und Dänen in Australien begegnen, werden sie sich in dieser Sprache unterhalten und auf die Frage nach ihrer Herkunft antworten: Wir sind Europäer.

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