Frau Merkel und die Silvesternacht zu Köln

In den Chor der Empörung über die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln haben sie alle eingestimmt – von der Kölner Oberbürgermeisterin über die nordrheinwestfälische Ministerpräsidentin bis hin zu allen namhaften Bundespolitikern und -politikerinnen. Und zwar zu Recht. Aber auch nicht ohne politisch-taktisches Kalkül.

Selbst die Bundeskanzlerin ließ sich nicht lumpen und hat sich via Pressesprecher zu „diesen widerwärtigen Übergriffe und sexuellen Attacken“ geäußert. Dieses mal musste sie also nicht zum Jagen getragen werden wie im Sommer des vergangenen Jahres, als sie sich erst nach Kritik zu den Angriffen auf geplante Flüchtlingsunterkünfte äußerte. Nein – dieses Mal telefonierte sie mit der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und forderte, die Schuldigen zu ermitteln und zu bestrafen. Seht her: Ich bin so empört wie ihr und kümmere mich persönlich.

Keinem Politiker möchte ich die ehrliche Empörung über die Kölner Ereignisse und den aufrichtigen Wunsch zur (allerdings schwierigen) Aufklärung und Bestrafung der Täter absprechen. Die eigentliche Stoßrichtung dieser Kampagne ist aber eine andere. Schnell hatte Frau Merkel erkannt, dass die Geschehnisse Wasser auf die Mühlen der unionsinternen Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik und der rechten Demagogen sind. Sie wollte AfD, Pegida & Co. keinen medialen Platz lassen, die letzte Nacht des vergangenen Jahres in Köln im neuen Jahr auszuschlachten. Im Stile einer Spam-Attacke überschüttete man deshalb die Medien mit Erklärungen, Verlautbarungen und Forderungen. Mit lautem Geschrei wollte man sich die Lufthoheit über den Stammtischen und mit prominentem Personal die Schlagzeilen in den Medien sichern. Und siehe da: Heute machte die FAZ mit der Schlagzeile „Merkel verspricht harte Antwort des Rechtsstaats“ auf.

Bereits in ihrer Neujahrsansprache hatte sich Frau Merkel förmlich überschlagen mit Forderungen, die jeder zu erfüllen habe, „der hier leben will“ und „unsere Werte, unsere Tradition, unser Rechtsverständnis, unsere Sprache, unsere Gesetze, unsere Regeln“ ins Feld geführt. Abgesehen von Gesetzen und der deutschen Sprache sind das zwar alles reichlich unklare Kategorien. Aber egal: Die schiere Länge der Aufzählung und die sechsfache Wiederholung des Wörtchens „unser“ sollten ihre Wirkung nicht verfehlen bei den Rechten, die sie in den vergangenen Wochen mit ihrer Flüchtlingspolitik verprellt hatte.

Plädoyer für eine gemeinsame europäische Sprache

Europa sieht sich seit einigen Jahren mit Problemen konfrontiert, die die Errungenschaften der europäischen Integration bedrohen und eine Rückkehr zu nationalstaatlichen Lösungen verlockend erscheinen lassen. Im Zuge der Euro-/Schuldenkrise wurde der Austritt einzelner Länder aus der gemeinsamen Währung diskutiert. Einige Staaten wehren sich gegen die „Vergemeinschaftung“ von Schulden und lehnen eine europäsische Einlagensicherung ab. Ungarn errichtet wegen der Flüchtlinge Zäune an seinen Grenzen. Andere Länder führen wieder Grenzkontrollen ein. Das Schengen-System wird in Frage gestellt.

Doch kann die Renaissance der Nationalstaaten wirklich die Lösung sein? Nein. Wir wissen, dass es nicht weniger sondern mehr Europa braucht, um diese Herausforderungen zu meistern: mehr europäische Wirtschaft- und Finanzpolitik, mehr Kontrolle der europäischen Außengrenzen, mehr europäische Koordination zur Verteilung der Flüchtlinge. Globale Probleme können ohnehin bestenfalls von Europa, aber keinesfalls von einzelnen europäischen Nationalstaaten gelöst werden. Das führen uns die Kriege am Rande Europas in der Ukraine und in Syrien schmerzhaft vor Augen.

„Von oben“ läßt sich dieses „Mehr“ an Integration und Vertiefung indes nicht verordnen. Es ist nicht mit neuen europäischen Institutionen oder deren Erweiterung getan. Die EU im „fernen Büssel“ gilt vielen ohnehin als bürokratisch und abgehoben, obwohl sie sich mit ganz alltäglichen Dingen wie Glühbirnen und Treibstoffpreisen befasst. Nach einer Vielzahl an konkreten Krisenbewältigungsmaßnahmen der letzten Jahre wie Rettungsschirmen, Europäischem Stabilitätsmechanismus und Registrierungszentren für Flüchtlinge ist es nun an der Zeit, das Fundament in den Blick zu nehmen, auf dem die EU erbaut wurde: Die europäische Identität jedes einzelnen Europäers und die emotionale Bindung an unser gemeinsames Europa müssen gestärkt werden.

Die eingangs erwähnten Krisen haben eine europäsische Öffentlichkeit schmerzlich vermissen lassen. Eine Öffentlichkeit, die europäische Fragen europaweit diskutiert, gibt es nicht. Die Europäer diskutieren nicht gemeinsam miteinander, sondern in Nationalstaaten getrennt übereinander. Es gibt keinen europäischen Fernseh- oder Radiosender, kein europäisches „Heute Journal“, keine europäische Talk-Show und auch keine europaweite Tageszeitung. Stattdessen berichtet die deutsche „Tagesschau“ über den griechischen Rentner in Athen, und im griechischen Fernsehen diskutieren griechische Politiker über Frau Merkel und Herrn Schäuble.

Abgeordnete des EU-Parlaments und die EU-Kommissare können mit der Medienpräsenz ihrer nationalen Kolleginnen und Kollegen nicht konkurrieren. Martin Schulz als Präsident des Europäischen Parlaments oder der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, können trotz ihrer Auftritte in deutschen Nachrichtensendungen nicht die Leitmedien aller 28 Mitgliedsstaaten angemessen bedienen. Die europäischen Institutionen und Amtsträger sind in den Medien und damit im Bewußtsein der Europäer unterrepräsentiert.

Ich wurde in Australien gefragt, woher ich komme. Meine Antwort war: „Aus Deutschland“. Ebenso würden die meisten Franzosen wohl mit „Frankreich“ und die Italiener mit „Italien“ antworten. Wäre es nicht einleuchtend oder gar wünschenswert, dass Italiener, Deutsche und Franzosen diese Frage mit „aus Europa“ beantworten? Wäre das nicht auf der anderen Seite der Erdkugel, also im globalen Maßstab, die angemessene Größenordnung?

Was müssen wir tun, damit wir uns in Australien zuallererst als Europäer fühlen? Wie schaffen wir eine europäsische Öffentlichkeit, eine europäsische Medienlandschaft, in der europäsische Themen und Politiker angemessen repräsentiert und alle europäsischen Bürger miteinander diskutieren können? Wie läßt sich die europäische Identität stärken?

Uns Europäern fehlt eine ganz wesentliche, Identität stiftende Gemeinsamkeit: eine gemeinsame Sprache. Die Bedeutung der Sprachenfrage zeigte sich bereits am Anfang der europäsischen Einigung. Die erste Verordnung, die von der Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1958 erlassen wurde, befasste sich mit den Amts- und Arbeitssprachen. Europa verfolgte bisher den Ansatz, alle (wichtigen) Nationalsprachen gleichberechtigt zu bedienen. Derzeit gibt es 24 Amtsprachen, wovon Französisch, Englisch und Deutsch als „Arbeitssprachen“ eine besonders wichtige Rolle spielen.

Nun ist dieses Prinzip der Vielsprachigkeit aber an seine Grenzen gekommen. Ein europäsische Öffentlichkeit setzt eine gemeinsame europäische Sprache voraus, die alle Europäer sprechen und verstehen. Ein Teil der Schulunterrichts muss in dieser Sprache erteilt werden. Sie muss neben den Nationalsprachen Amtssprache in allen Staaten Europas sein. Die Etablierung eines deutschen Nationalstaats im 18. Jahrhundert wäre ohne das einigende Band einer gemeinsamen deutschen Hochsprache wohl nicht möglich gewesen. Gäbe es die Vereinigten Staaten von Amerika ohne die gemeinsame Sprache Englisch?

In der Geschichte des europäischen Kontinents dienten bereits Latein und Französisch der Verständigung. Singapur steht heute als multiethnischer Stadtstaat ebenfalls vor einer ähnlichen Herausforderung und etablierte Englisch als Verwaltungs-, Amts- und Unterrichtssprache zusätzlich zu den Muttersprachen Chinesisch, Malaiisch und Tamil. Sicherlich wird es eine Generation dauern, um in Europa eine gemeinsame Sprache zu etablieren. Dann aber wird ein grenzüberschreitendes Leben, Studieren und Arbeiten in Europa möglich sein. Europaweite Fernsehsender und Zeitungen werden alle Europäer erreichen können. Wenn sich junge Italiener und Dänen in Australien begegnen, werden sie sich in dieser Sprache unterhalten und auf die Frage nach ihrer Herkunft antworten: Wir sind Europäer.

Gewalt im Koran und in der Bibel

Immer wieder führt uns der sogenannte „Islamische Staat“ Gewalttaten vor Augen, die von den Tätern religiös begründet oder gerechtfertigt werden. In der Diskussion zu den Ursachen und Hintergründen sagen die einen, das alles hätte mit dem Islam und dessen heiligem Buch, dem Koran, nichts zu tun. Andere hingegen betonen, dass sich im Koran viele Stellen fänden, die zur Gewalt beispielsweise gegen „Ungläubige“ aufrufen.

In diesem Zusammenhang wies die Islamwissenschaftlerin Prof.Dr. Gudrun Krämer unlängst in einem Interview darauf hin, dass auch das heilige Buch der Christen, die Bibel, ähnliche Verse im Angebot habe. Ich habe mich auf die Suche nach ihnen gemacht …

So eroberten sie die Stadt und vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Weib, jung und alt, Rindern, Schafen und Eseln. (Joshua 6:21,22)

Darauf stach sie ihn zweimal mit ganzer Kraft in den Hals und schnitt ihm den Kopf ab. (Judit 13:9)

Wer da gefunden wird, wird erstochen, und wen man aufgreift, wird durchs Schwert fallen. Es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Frauen geschändet werden. (Jesaya 13:15,16)

Kommt herzu, ihr Heiden, und höret; Denn der Herr ist zorning über alle Heiden und ergrimmt über alle ihre Scharen. Er wird an ihnen den Bann vollstrecken und sie zur Schlachtung dahingeben. Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden, dass der Gestank von ihren Leichnamen aufsteigen wird und die Berge von ihrem Blut fließen. Denn mein Schwert ist trunken im Himmel, und siehe, es wird herniederfahren (…). Des Herrn Schwert ist voll Blut und trieft von Fett, vom Blut (aus Jesaya 34:1-6)

Du Ehebrecherin, die du dir Fremde anstelle deines Mannes nimmst! Und sie sollen eine Versammlung gegen dich einberufen und dich steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen und deine Häuser mit Feuer verbrennen (aus Hesekiel 16:32,38-40)

Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden. (Hosea 14:1)

(zitiert nach Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1985)

Stellen Sie sich nun vor, Sie wüßten nicht, dass diese Texte aus der Bibel stammen, anstelle des „Herrn“ stünde „Allah“ und jemand würde behaupten, es handele sich um Suren aus dem Koran. Würden Sie Verdacht schöpfen?

Die zitierten Bibelstellen stammen übrigens aus der Zeit der Landnahme der Israeliten und dem Kampf der Propheten gegen den Unglauben unter den Juden. Auch Muhammad stand vor ähnlichen Aufgaben, nämlich der Etablierung seiner Lehre und seiner Herrschaft sowie der Auseinandersetzung mit dem vorislamischen Heidentum und den Juden in Medina, die seiner Lehre nicht folgen wollten.

„Der Tagesspiegel“ unterstützt den islamistischen Terrorismus!

Eine Polemik

Gut, ich bin selbst schuld. Ich weiß, man sollte in zweitklassigen Tageszeitungen bestenfalls den Sport-Teil aufschlagen oder die Lokalnachrichten lesen, die ersten Seiten zu Themen nationaler oder gar internationaler Tragweite aber tunlichst meiden.

Zu meiner Entschuldigung möchte ich anführen, dass die mit den Signalfarben Gelb und Rot geschwängerte halbseitige Weltkarte auf Seite 2 des „Tagesspiegel“ vom 11. September 2015 (!) auch an mir ihren Zweck verrichtete – und mich zur Lektüre des dazugehörigen Beitrag verleitete, der unter dem Titel „Weltkrieger“ die Frage stellte, ob „es für den islamistischen Terror keine Grenzen“ mehr gebe?

Orte des Terrors

Der Autor fühlte sich an diesem „historischen“ Tag offensichtlich berufen, sich aus den Tiefen des Berliner „Tagesspiegels“ in die Höhen des analytischen Groß-Journalismus aufzuschwingen. Eine verkaufsfördernde Info-Grafik durfte natürlich nicht fehlen – aber offentsichtlich auch nicht zu viel Mühe machen. Schwups wurden alle Länder, in denen seit dem 11. September 2001 der „islamistische Terrorismus“ in irgendeiner Weise in Erscheinung getreten war, vollflächig gelb-rot eingefärbt – geht ja ruckzuck mit Photoshop® & Co.

Im Ergebnis tobt die stilisierte Feuersbrunst in einem Land wie Syrien, in dem Millionen Menschen vor einem blutiger Bürgerkrieg geflüchtet sind, ebenso wie in Kanada, wo ein (!) Islamist 2014 in Ottawa einen Soldat und das Parlament angreift und selbst getötet wird. Natürlich ist auch in Australien überall (auch in der menschleeren Simpson Desert und in den Wäldern Tasmaniens) mit Anschlägen zu rechnen. Und während hinter jedem Fahrrad in China der „islamistische“ Uigure lauert, versetzen seine Gesinnungsgenossen die vereiste Inselwelt Nordkanadas in Angst und Schrecken.

Man könnte ja lachen über dieses plumpe Machwerk, wenn dessen Wirkung auf den unbedarften Betrachter nicht so grausig wäre. Die Botschaft ist doch, dass der „islamistische Terrorismus“ die halbe Welt in Brand gesteckt hat und man sich nirgends mehr sicher fühlen kann. Spiegelt das wirklich das Lebensgefühl der Inder, Iraner oder Chinesen wieder?

Ein Wesensmerkmal des „islamistischen Terrorismus“ scheint mir zu sein, dass er seine Gegner verunsichern, einschüchtern und verängstigen will. Dem „Tagesspiegel“ gelingt das wirklich vortrefflich.

POSTWURFSPEZIAL

Wie verschickt man massenhaft Werbung an ganze Stadtteile? Na, man bepackt fleißige Helfer mit Stapeln von bedrucktem Papier (das wahlweise noch in Umschläge verpackt ist), schickt sie durch die Gassen und lässt sie die Druckerzeugnisse in die Briefkästen der Anwohner entsorgen. Ok, die Deutsche Post könnte man natürlich auch für derlei Dienstleistungen bemühen. Allerdings müßte man hierzu die Namen der Anwohner kennen, um die wertvollen Mitteilungen adressieren zu können. Es sei denn … man erfindet anstelle der tatsächlichen Adressaten einen mehr oder weniger phantasievollen fiktiven Adressaten frei nach dem Motto: Hauptsache, die Adresse stimmt!

Hier eine feine Auslese von „Teiladressierungen“ (so der postalische terminus technicus der Deutschen Post), die mich in den letzten zwei Jahren erreicht haben:

Postwurfsendungen

Wie sich die Zeiten ändern …

… wurde mir vor kurzem während einiger Flüge bewußt. Während mich die Anzeige über meinem Sitz in einem älteren Flugzeug darauf aufmerksam machte, dass das Rauchen an Bord verboten ist, wurde ich in einem A380 während des gesamten Fluges visuell daran erinnert, dass das Telefonieren mit Mobiltelefonen zu unterlassen sei.

Nicht rauchen      NichtTelefonieren

Chancengleichheit?

Kommende Woche beginnt für meine Tochter endlich das dreiwöchige Betriebspraktikum an der TU Berlin, auf das sie sich schon seit Monaten freut. Nach dem Berliner Schulgesetz soll es „zur Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung“ beitragen  (Berliner Schulgesetz i.d.F. vom 15.12. 2010, §4 Abs. 7). Ich erinnere mich noch gut, wie groß die Erleichterung für uns alle war, als sie nach langer Suche die Zusage für diese Stelle bekommen hatte.

Viele ihrer MitschülerInnen hatte damals nämlich längst einen Praktikumsplatz gefunden – und zwar fast ausnahmslos durch die beruflichen oder privaten Kontakte ihrer Eltern. Natürlich standen auch wir unserer Tochter mit Rat und Tat zur Seite. Da wir aber erst vor einem halben Jahr zugezogen waren, konnten wir nicht mit vielen nützlichen Kontakten aufwarten. Im übrigen betrachten wir die selbständige Suche nach einem Praktikumsplatz als wichtig und wünschenswert. Eine Schülerin oder ein Schüler sollte sich Gedanken machen, in welchem Bereich sie oder er tätig sein will, nach geeigneten Anbietern suchen und mit diesen Kontakt aufnehmen – also selbst anrufen oder eine e-mail formulieren. Diese Überlegungen und Tätigkeiten im Vorfeld das Praktikums gehören ganz wesentlich zur „Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung“.

Der Klassenlehrer hatte seine Hilfe lediglich ultima ratio angeboten. Natürlich ist es im Sinne der pädagogischen Zielsetzung, dass dieser Weg nur beschritten wird, wenn die eigenen Bemühungen der Schülerin und des Schülers nicht von Erfolg gekrönt waren. In der Praxis ist aber nicht der Einsatz des Schülers, sondern die elterlichen „Connections“ entscheidend.  Die Inanspruchnahme dieser Hilfestellung bedeutet somit das demütigende Eingeständnis, dass die Eltern „nicht gut genug sind“. Unsere Tochter jedenfalls empfand das so – und wurde mit jeder Absage unruhiger und unsicherer.

Nun könnte man natürlich defätistisch sagen: „Tja, so ist das Berufsleben eben: Vitam-B ist wichtig. Je früher die Schülerinnen und Schüler das lernen, umso besser.“ Dies kann aber in einer demokratischen Gesellschaft nicht die richtige Antwort. Ein Schulsystem, das junge Menschen zu mündigen, verantwortungsbewußten Mitbürgern erziehen möchte, darf sich so keinesfalls aus der Affäre ziehen.

Wie soll also Abhilfe geschaffen und für mehr Gerechtigkeit gesorgt werden? Beispielsweise könnte man einen Praktikumspool einrichten und Praktikumsplätze nach einem gerechten Verfahren vergeben. Aber was ist ein gerechtes Verfahren? Sollen Schulnoten entscheiden oder doch besser das Los? Ferner müßte man sicherstellen, dass Plätze nur über den Pool vergeben werden und keine Umgehung möglich ist. Soll es je Schule einen Pool geben oder besser in ganz Berlin nur einen einizigen, schulübergreifenden Pool, weil sich sonst die Anbieter von Praktika gezielt Schulen aussuchen würden?

Hmm, ich gewinne den Eindruck, dass ich auf dem Weg zur „dunklen Seite der Macht“ bin: Das wird eine aufwendige, kaum praktikable Lösung mit vagen Erfolgsaussichten. Vielleicht lautet die Wahrheit eben doch, dass die vieldiskutierte „Chancengleichheit“ in einer freien Gesellschaft nur in begrenztem Maße garantiert werden kann – jedenfalls in viel geringerem Umfange, als wir es wahrhaben wollen oder uns von den politischen Parteien erzählt wird. Der Gehalt von Schlagworten und Slogans wie „Bildungschancen“ , „Chancengleichheit“, „Gleichberechtigte Teilhabe“ und „Zugänge eröffnen in Ausbildung, Studium und Weiterbildung“ in den Wahlprogrammen der Parteien CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP zur Bundestagswahl 2013 erscheint mir jedenfalls fraglich.