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„Tschüss!“

Freudig strahlend reckte mein fünfjähriger Sohn die Hand der Wurstscheibe entgegen, die ihm die Verkäuferin über die Theke hinweg überreichte. Er hatte gehofft, dieses Mal nicht leer auszugehen – und war belohnt worden. Während er sein Geschenk entgegen nahm, wartete ich neben ihm auf die Reaktion, die wahrscheinlich alle Mütter und Väter in dieser Situation erhoffen.

Es war ja nicht etwa das erste Mal, dass wir beiden diese Situation erlebten. Ich hatte ihn schon einige Male daran erinnert, dass trotz der alles vergessen machenden Freude ein kleines Wörtchen des Dankes nicht fehl am Platze wäre, das er daraufhin auch immer bereitwillig der Fleischwarenfachverkäuferin entgegenbrachte.

In der Hoffnung, es würde dieses Mal keiner Erinnerung bedürfen, ließ ich ihm noch eine kurze Bedenkzeit. Mein Sohn betrachte still und zufrieden seine Beute. Aber das Lächeln verließ meine erwartungsfrohe Mine, als sich seine Hand langsam aber zielsicher seinem Munde näherte. Ich holte tief Luft. Als sich seine Lippen öffneten und der Wurstscheibe den Weg zu ihrem Bestimmungsorte frei machten, verließen mit gezwungen freundlichem Unterton die Worte „Und was sagt man da?“ meinen Mund.

Mein Sohn hielt inne. Er schloss seine Lippen, senkte den Arm und wandte seinen Blick mir zu. Erkennbar durchsuchte er seine Hirnwindungen: Was mag sein Vater wohl von ihm hören wollen? Er schaute zunächst mich, dann die Dame hinter der Theke an und sagte: „Tschüss!“

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Abspülen

Heute abend warteten neben Besteck, Tellern und Gläsern vom Abendessen noch einige Töpfe und Teller vom Mittagessen auf meine Tochter und mich. Bereits auf dem Weg in die Küche hatte sie verkündet, dass sie sich selbstverständlich nur für die Überbleibsel des Abendessens zuständig fühlte. Mittags habe sie ja schließlich nicht Tischdienst gehabt.

Ich begann abzuspülen, damit sich meine Tochter behutsam auf die Geschirrberge vorbereiten konnte, die sie gleich abzutrocknen hatte. So standen wir einige Zeit mit gesenkten Häuptern nebeneinander vor der Spüle und fügten uns dem Schicksal. Während sie gemütlich Messer und Gabeln mit dem Geschirrtuch trocken streichelte, schien sie ihren Ärger allmählich zu vergessen. Als ich im Geschirrkorb keinen Platz mehr für das gereinigte Geschirr fand und sie bat, doch etwas zügiger abzutrocknen, müssen ihr die beträchtlichen Geschirrmengen erneut zu Bewusstsein gekommen sein. „Papa, warum kaufen wir uns eigentlich keine Spülmaschine?“ Aha! Da war sie wieder – die Eine-Million-Euro-Frage.

Unsere Spülmaschine stellte vor etwa zwei Jahren ihren Dienst ein. Bis wir eine neue beschafft haben würden, mussten wir notgedrungen von Hand abspülen. Das taten meine Frau oder ich zusammen mit einem unserer Kinder: Einer wusch das Geschirr, der andere trocknete es ab. Das Radio blieb aus, die Küchentür fiel ins Schloß, und bei der leichten, Geist und Körper entspannenden Tätigkeit breitete sich eine überraschende Ruhe aus. Erfreut bemerkten wir in den ersten Tagen, dass häufig ein Zwiegespräch begann und unsere Tochter dabei erzählte, was sie am Tage bewegte, was sie bedrückte oder faszinierte. „Hätte Sie uns davon erzählt, wenn wir jetzt nicht hier stünden?“ fragten wir uns. „Warum spricht sie hier und jetzt darüber? Und nicht abends auf der Wohnzimmer-Couch oder am Frühstückstisch?“ Wir hatten das Gefühl, ohne Spülmaschine mehr von unseren Kindern zu erfahren. Zufällig war eine Insel der Ruhe und des Gesprächs im lebhaften Alltag einer kinderreichen Familie entstanden.

So kam es, dass sich bis heute keine neue Spülmaschine in unsere Wohnung verirrt hat und stattdessen die alte funktionsunfähig an ihrem Platz verharrte – allerdings zum gelegentlichen Leidwesen unserer Kinder wie heute, als meine Tochter mir ihre Frage stellte. „Weil es doch auch so geht“ erwiderte ich. „Aber ihr würdet doch Zeit sparen! Jetzt könntet ihr zum Beispiel …“. Es entsponn sich eine interessante Unterhaltung darüber, was es denn heiße „Zeit zu sparen“ und was man mit der „gesparten Zeit“ machen solle. Ich war überzeugt, nicht mehr und nichts Besseres als Michael Ende in „Momo“ zu diesem Thema sagen zu können. Trotzdem führte ich aus, dass für mich Abspülen oftmals geschenkte Zeit sei, und sich früher viele solche langweiligen, eintönigen Aufgaben ins Tagwerk der Menschen fügten und ihnen Zeit schenkte zum Entspannen, Reden, Nachdenken oder Geschichten-Erzählen.

Aber diese Erwachsenen-Klügeleien konnten eine zweite Angriffswelle meiner Tochter nicht verhindern. „Alle normalen Leute haben eine Spülmaschine. Wenn man allein lebt nicht. Bei zwei Personen kann man’s sich überlegen. Aber ab drei Leuten haben alle eine!“
Haben Meiers eine?
„Papa!? Ja!“
Weißt Du das?
„Natürlich! Ich hab sie ja mit Tina befüllt. Sogar Hansens haben eine – und die sind nur zu zweit!“
Hat sich eigentlich im Haus schon rumgesprochen, dass wir keine Spülmaschine haben?
„Ja.“