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Chancengleichheit?

Kommende Woche beginnt für meine Tochter endlich das dreiwöchige Betriebspraktikum an der TU Berlin, auf das sie sich schon seit Monaten freut. Nach dem Berliner Schulgesetz soll es „zur Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung“ beitragen  (Berliner Schulgesetz i.d.F. vom 15.12. 2010, §4 Abs. 7). Ich erinnere mich noch gut, wie groß die Erleichterung für uns alle war, als sie nach langer Suche die Zusage für diese Stelle bekommen hatte.

Viele ihrer MitschülerInnen hatte damals nämlich längst einen Praktikumsplatz gefunden – und zwar fast ausnahmslos durch die beruflichen oder privaten Kontakte ihrer Eltern. Natürlich standen auch wir unserer Tochter mit Rat und Tat zur Seite. Da wir aber erst vor einem halben Jahr zugezogen waren, konnten wir nicht mit vielen nützlichen Kontakten aufwarten. Im übrigen betrachten wir die selbständige Suche nach einem Praktikumsplatz als wichtig und wünschenswert. Eine Schülerin oder ein Schüler sollte sich Gedanken machen, in welchem Bereich sie oder er tätig sein will, nach geeigneten Anbietern suchen und mit diesen Kontakt aufnehmen – also selbst anrufen oder eine e-mail formulieren. Diese Überlegungen und Tätigkeiten im Vorfeld das Praktikums gehören ganz wesentlich zur „Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung“.

Der Klassenlehrer hatte seine Hilfe lediglich ultima ratio angeboten. Natürlich ist es im Sinne der pädagogischen Zielsetzung, dass dieser Weg nur beschritten wird, wenn die eigenen Bemühungen der Schülerin und des Schülers nicht von Erfolg gekrönt waren. In der Praxis ist aber nicht der Einsatz des Schülers, sondern die elterlichen „Connections“ entscheidend.  Die Inanspruchnahme dieser Hilfestellung bedeutet somit das demütigende Eingeständnis, dass die Eltern „nicht gut genug sind“. Unsere Tochter jedenfalls empfand das so – und wurde mit jeder Absage unruhiger und unsicherer.

Nun könnte man natürlich defätistisch sagen: „Tja, so ist das Berufsleben eben: Vitam-B ist wichtig. Je früher die Schülerinnen und Schüler das lernen, umso besser.“ Dies kann aber in einer demokratischen Gesellschaft nicht die richtige Antwort. Ein Schulsystem, das junge Menschen zu mündigen, verantwortungsbewußten Mitbürgern erziehen möchte, darf sich so keinesfalls aus der Affäre ziehen.

Wie soll also Abhilfe geschaffen und für mehr Gerechtigkeit gesorgt werden? Beispielsweise könnte man einen Praktikumspool einrichten und Praktikumsplätze nach einem gerechten Verfahren vergeben. Aber was ist ein gerechtes Verfahren? Sollen Schulnoten entscheiden oder doch besser das Los? Ferner müßte man sicherstellen, dass Plätze nur über den Pool vergeben werden und keine Umgehung möglich ist. Soll es je Schule einen Pool geben oder besser in ganz Berlin nur einen einizigen, schulübergreifenden Pool, weil sich sonst die Anbieter von Praktika gezielt Schulen aussuchen würden?

Hmm, ich gewinne den Eindruck, dass ich auf dem Weg zur „dunklen Seite der Macht“ bin: Das wird eine aufwendige, kaum praktikable Lösung mit vagen Erfolgsaussichten. Vielleicht lautet die Wahrheit eben doch, dass die vieldiskutierte „Chancengleichheit“ in einer freien Gesellschaft nur in begrenztem Maße garantiert werden kann – jedenfalls in viel geringerem Umfange, als wir es wahrhaben wollen oder uns von den politischen Parteien erzählt wird. Der Gehalt von Schlagworten und Slogans wie „Bildungschancen“ , „Chancengleichheit“, „Gleichberechtigte Teilhabe“ und „Zugänge eröffnen in Ausbildung, Studium und Weiterbildung“ in den Wahlprogrammen der Parteien CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP zur Bundestagswahl 2013 erscheint mir jedenfalls fraglich.

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„Tschüss!“

Freudig strahlend reckte mein fünfjähriger Sohn die Hand der Wurstscheibe entgegen, die ihm die Verkäuferin über die Theke hinweg überreichte. Er hatte gehofft, dieses Mal nicht leer auszugehen – und war belohnt worden. Während er sein Geschenk entgegen nahm, wartete ich neben ihm auf die Reaktion, die wahrscheinlich alle Mütter und Väter in dieser Situation erhoffen.

Es war ja nicht etwa das erste Mal, dass wir beiden diese Situation erlebten. Ich hatte ihn schon einige Male daran erinnert, dass trotz der alles vergessen machenden Freude ein kleines Wörtchen des Dankes nicht fehl am Platze wäre, das er daraufhin auch immer bereitwillig der Fleischwarenfachverkäuferin entgegenbrachte.

In der Hoffnung, es würde dieses Mal keiner Erinnerung bedürfen, ließ ich ihm noch eine kurze Bedenkzeit. Mein Sohn betrachte still und zufrieden seine Beute. Aber das Lächeln verließ meine erwartungsfrohe Mine, als sich seine Hand langsam aber zielsicher seinem Munde näherte. Ich holte tief Luft. Als sich seine Lippen öffneten und der Wurstscheibe den Weg zu ihrem Bestimmungsorte frei machten, verließen mit gezwungen freundlichem Unterton die Worte „Und was sagt man da?“ meinen Mund.

Mein Sohn hielt inne. Er schloss seine Lippen, senkte den Arm und wandte seinen Blick mir zu. Erkennbar durchsuchte er seine Hirnwindungen: Was mag sein Vater wohl von ihm hören wollen? Er schaute zunächst mich, dann die Dame hinter der Theke an und sagte: „Tschüss!“

Abspülen

Heute abend warteten neben Besteck, Tellern und Gläsern vom Abendessen noch einige Töpfe und Teller vom Mittagessen auf meine Tochter und mich. Bereits auf dem Weg in die Küche hatte sie verkündet, dass sie sich selbstverständlich nur für die Überbleibsel des Abendessens zuständig fühlte. Mittags habe sie ja schließlich nicht Tischdienst gehabt.

Ich begann abzuspülen, damit sich meine Tochter behutsam auf die Geschirrberge vorbereiten konnte, die sie gleich abzutrocknen hatte. So standen wir einige Zeit mit gesenkten Häuptern nebeneinander vor der Spüle und fügten uns dem Schicksal. Während sie gemütlich Messer und Gabeln mit dem Geschirrtuch trocken streichelte, schien sie ihren Ärger allmählich zu vergessen. Als ich im Geschirrkorb keinen Platz mehr für das gereinigte Geschirr fand und sie bat, doch etwas zügiger abzutrocknen, müssen ihr die beträchtlichen Geschirrmengen erneut zu Bewusstsein gekommen sein. „Papa, warum kaufen wir uns eigentlich keine Spülmaschine?“ Aha! Da war sie wieder – die Eine-Million-Euro-Frage.

Unsere Spülmaschine stellte vor etwa zwei Jahren ihren Dienst ein. Bis wir eine neue beschafft haben würden, mussten wir notgedrungen von Hand abspülen. Das taten meine Frau oder ich zusammen mit einem unserer Kinder: Einer wusch das Geschirr, der andere trocknete es ab. Das Radio blieb aus, die Küchentür fiel ins Schloß, und bei der leichten, Geist und Körper entspannenden Tätigkeit breitete sich eine überraschende Ruhe aus. Erfreut bemerkten wir in den ersten Tagen, dass häufig ein Zwiegespräch begann und unsere Tochter dabei erzählte, was sie am Tage bewegte, was sie bedrückte oder faszinierte. „Hätte Sie uns davon erzählt, wenn wir jetzt nicht hier stünden?“ fragten wir uns. „Warum spricht sie hier und jetzt darüber? Und nicht abends auf der Wohnzimmer-Couch oder am Frühstückstisch?“ Wir hatten das Gefühl, ohne Spülmaschine mehr von unseren Kindern zu erfahren. Zufällig war eine Insel der Ruhe und des Gesprächs im lebhaften Alltag einer kinderreichen Familie entstanden.

So kam es, dass sich bis heute keine neue Spülmaschine in unsere Wohnung verirrt hat und stattdessen die alte funktionsunfähig an ihrem Platz verharrte – allerdings zum gelegentlichen Leidwesen unserer Kinder wie heute, als meine Tochter mir ihre Frage stellte. „Weil es doch auch so geht“ erwiderte ich. „Aber ihr würdet doch Zeit sparen! Jetzt könntet ihr zum Beispiel …“. Es entsponn sich eine interessante Unterhaltung darüber, was es denn heiße „Zeit zu sparen“ und was man mit der „gesparten Zeit“ machen solle. Ich war überzeugt, nicht mehr und nichts Besseres als Michael Ende in „Momo“ zu diesem Thema sagen zu können. Trotzdem führte ich aus, dass für mich Abspülen oftmals geschenkte Zeit sei, und sich früher viele solche langweiligen, eintönigen Aufgaben ins Tagwerk der Menschen fügten und ihnen Zeit schenkte zum Entspannen, Reden, Nachdenken oder Geschichten-Erzählen.

Aber diese Erwachsenen-Klügeleien konnten eine zweite Angriffswelle meiner Tochter nicht verhindern. „Alle normalen Leute haben eine Spülmaschine. Wenn man allein lebt nicht. Bei zwei Personen kann man’s sich überlegen. Aber ab drei Leuten haben alle eine!“
Haben Meiers eine?
„Papa!? Ja!“
Weißt Du das?
„Natürlich! Ich hab sie ja mit Tina befüllt. Sogar Hansens haben eine – und die sind nur zu zweit!“
Hat sich eigentlich im Haus schon rumgesprochen, dass wir keine Spülmaschine haben?
„Ja.“