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Der Oder-Neiße-Radweg und die Zukunft Europas

Bei einer mehrtägigen Fahrradfahrt entlang der deutsch-polnischen Grenze konnte ich erleben, wie offene Grenzen die alltägliche Begegnung zwischen Angehörigen benachbarter Staaten ermöglichen und dem friedlichen Miteinander in Europa dienen. Wenig erinnert bei der Fahrt über die Oderbrücken bei Küstrin daran, dass sie zwei Länder verbinden. Die Fährfahrt vom Ost- ans Westufer der Oder unterscheidet sich kaum vom Übersetzen über die Elbe.

Polnische Skater erfreuen sich an den perfekt asphaltierten deutschen Radwegen, die deutschen Nachbarn kaufen bei Aldi in Polen günstig ein. Auf deutscher Seite bauen polnische Handwerker Häuser, der polnische Zahnarzt behandelt gerne deutsche Patienten in seiner Praxis. Unsere Kanufahrt in die Polder der unteren Oder begann in Mescherin auf deutscher Seite, führte durch polnisches Staatsgebiet und endete schließlich wieder auf deutschem.

Trotzdem sind wir während unserer Aufenthalte in Polen ununterbrochen auf ein kaum zu überwindendes Hindernis gestoßen – nämlich dass wir Deutschen und Polen unterschiedliche Sprachen sprechen. So waren Gespräche nahezu unmöglich, und unser Alltag wurde sehr erschwert – beim Einkaufen, im Restaurant und beim sich Erkundigen nach dem Weg. Alle schriftlichen und mündlichen Verlautbarungen blieben uns unzugänglich: Informationstafeln, Durchsagen in der Straßenbahn in Stettin, Speisekarten, Werbung, Preisaushänge, Zeitungen, Fernsehen, Austellungen, die SMS unseres polnischen Mobilfunkanbieters und so fort. Im Vergleich hierzu erschien uns der erforderliche Umtausch von Euro in polnische Zsłoty als belanglose Unbequemlichkeit.

Natürlich spiegelt die Vielzahl an Sprachen die wertvolle kulturelle Vielfalt Europas wider. Nach den Schlagbäumen an den innereuropäischen Grenzen müssen wir aber diese Sprachgrenzen beseitigen, damit wir Europäer ganz alltäglich mit- statt nur nebeneinander leben können. Wir brauchen neben unseren Muttersprachen eine gemeinsame europäische Sprache!

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Sind offene Grenzen in Europa „alternativlos“?

Die schrillen Töne der Flüchtlingskrise waren seit Monaten verklungen, als ich vor einigen Tagen zufällig wieder über einen Beitrag stolperte, den ich Ende 2012 über das Unwort „alternativlos“ geschrieben hatte. Ich erinnerte mich wieder daran, dass Forderungen nach Grenzschließungen in der Hochphase der Flüchtlingskrise von den Gegnern sehr schnell ins Reich des Unmöglichen verwiesen und so keiner weiteren Diskussion für würdig befunden wurden. „Man kann doch nicht die Grenzen schließen!“ – „Soll man denn auf Flüchtlinge schießen?“ – „Wie soll man denn die griechisch-türkische Grenze sichern:  so viele Inseln, solange Küsten – unmöglich!“

Inzwischen haben uns die Länder auf der Balkanroute eines besseren belehrt. Man mag einwenden, dass damit das Problem nur verlagert wurde oder dass keine Grenze einer beliebig großen Menschenmenge standhalten könne. Aber auch die griechische EU-Außengrenze ist für Flüchtlinge aus der Türkei praktisch geschlossen. Nicht durch Zäune und nicht alleine mittels Küstenwache und Polizei, sondern ganz wesentlich dank eines begleitenden Abkommens zwischen der EU und der Türkei.

Rückblickend habe ich den Eindruck, dass manche Gegner von Grenzschließungen damals nach dem Motto vorgingen: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ Neben berechtigten Argumenten – wie dem Appell an die humanitäre Verantwortung oder die Warnung vor der bloßen Verlagerung des Problems und vor negativen Auswirkungen auf den inneren Zusammenhalt Europas – wurden angebliche Fakten und Unmöglichkeiten ins Feld geführt. Wollte man mit harten, unumstößlichen „Fakten“ anstelle von weichen, abwägbaren Argumenten die politische Diskussion ersticken? Sollten offene Grenzen „alternativlos“ sein?

Plädoyer für eine gemeinsame europäische Sprache

Europa sieht sich seit einigen Jahren mit Problemen konfrontiert, die die Errungenschaften der europäischen Integration bedrohen und eine Rückkehr zu nationalstaatlichen Lösungen verlockend erscheinen lassen. Im Zuge der Euro-/Schuldenkrise wurde der Austritt einzelner Länder aus der gemeinsamen Währung diskutiert. Einige Staaten wehren sich gegen die „Vergemeinschaftung“ von Schulden und lehnen eine europäsische Einlagensicherung ab. Ungarn errichtet wegen der Flüchtlinge Zäune an seinen Grenzen. Andere Länder führen wieder Grenzkontrollen ein. Das Schengen-System wird in Frage gestellt.

Doch kann die Renaissance der Nationalstaaten wirklich die Lösung sein? Nein. Wir wissen, dass es nicht weniger sondern mehr Europa braucht, um diese Herausforderungen zu meistern: mehr europäische Wirtschaft- und Finanzpolitik, mehr Kontrolle der europäischen Außengrenzen, mehr europäische Koordination zur Verteilung der Flüchtlinge. Globale Probleme können ohnehin bestenfalls von Europa, aber keinesfalls von einzelnen europäischen Nationalstaaten gelöst werden. Das führen uns die Kriege am Rande Europas in der Ukraine und in Syrien schmerzhaft vor Augen.

„Von oben“ läßt sich dieses „Mehr“ an Integration und Vertiefung indes nicht verordnen. Es ist nicht mit neuen europäischen Institutionen oder deren Erweiterung getan. Die EU im „fernen Büssel“ gilt vielen ohnehin als bürokratisch und abgehoben, obwohl sie sich mit ganz alltäglichen Dingen wie Glühbirnen und Treibstoffpreisen befasst. Nach einer Vielzahl an konkreten Krisenbewältigungsmaßnahmen der letzten Jahre wie Rettungsschirmen, Europäischem Stabilitätsmechanismus und Registrierungszentren für Flüchtlinge ist es nun an der Zeit, das Fundament in den Blick zu nehmen, auf dem die EU erbaut wurde: Die europäische Identität jedes einzelnen Europäers und die emotionale Bindung an unser gemeinsames Europa müssen gestärkt werden.

Die eingangs erwähnten Krisen haben eine europäsische Öffentlichkeit schmerzlich vermissen lassen. Eine Öffentlichkeit, die europäische Fragen europaweit diskutiert, gibt es nicht. Die Europäer diskutieren nicht gemeinsam miteinander, sondern in Nationalstaaten getrennt übereinander. Es gibt keinen europäischen Fernseh- oder Radiosender, kein europäisches „Heute Journal“, keine europäische Talk-Show und auch keine europaweite Tageszeitung. Stattdessen berichtet die deutsche „Tagesschau“ über den griechischen Rentner in Athen, und im griechischen Fernsehen diskutieren griechische Politiker über Frau Merkel und Herrn Schäuble.

Abgeordnete des EU-Parlaments und die EU-Kommissare können mit der Medienpräsenz ihrer nationalen Kolleginnen und Kollegen nicht konkurrieren. Martin Schulz als Präsident des Europäischen Parlaments oder der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, können trotz ihrer Auftritte in deutschen Nachrichtensendungen nicht die Leitmedien aller 28 Mitgliedsstaaten angemessen bedienen. Die europäischen Institutionen und Amtsträger sind in den Medien und damit im Bewußtsein der Europäer unterrepräsentiert.

Ich wurde in Australien gefragt, woher ich komme. Meine Antwort war: „Aus Deutschland“. Ebenso würden die meisten Franzosen wohl mit „Frankreich“ und die Italiener mit „Italien“ antworten. Wäre es nicht einleuchtend oder gar wünschenswert, dass Italiener, Deutsche und Franzosen diese Frage mit „aus Europa“ beantworten? Wäre das nicht auf der anderen Seite der Erdkugel, also im globalen Maßstab, die angemessene Größenordnung?

Was müssen wir tun, damit wir uns in Australien zuallererst als Europäer fühlen? Wie schaffen wir eine europäsische Öffentlichkeit, eine europäsische Medienlandschaft, in der europäsische Themen und Politiker angemessen repräsentiert und alle europäsischen Bürger miteinander diskutieren können? Wie läßt sich die europäische Identität stärken?

Uns Europäern fehlt eine ganz wesentliche, Identität stiftende Gemeinsamkeit: eine gemeinsame Sprache. Die Bedeutung der Sprachenfrage zeigte sich bereits am Anfang der europäsischen Einigung. Die erste Verordnung, die von der Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1958 erlassen wurde, befasste sich mit den Amts- und Arbeitssprachen. Europa verfolgte bisher den Ansatz, alle (wichtigen) Nationalsprachen gleichberechtigt zu bedienen. Derzeit gibt es 24 Amtsprachen, wovon Französisch, Englisch und Deutsch als „Arbeitssprachen“ eine besonders wichtige Rolle spielen.

Nun ist dieses Prinzip der Vielsprachigkeit aber an seine Grenzen gekommen. Ein europäsische Öffentlichkeit setzt eine gemeinsame europäische Sprache voraus, die alle Europäer sprechen und verstehen. Ein Teil der Schulunterrichts muss in dieser Sprache erteilt werden. Sie muss neben den Nationalsprachen Amtssprache in allen Staaten Europas sein. Die Etablierung eines deutschen Nationalstaats im 18. Jahrhundert wäre ohne das einigende Band einer gemeinsamen deutschen Hochsprache wohl nicht möglich gewesen. Gäbe es die Vereinigten Staaten von Amerika ohne die gemeinsame Sprache Englisch?

In der Geschichte des europäischen Kontinents dienten bereits Latein und Französisch der Verständigung. Singapur steht heute als multiethnischer Stadtstaat ebenfalls vor einer ähnlichen Herausforderung und etablierte Englisch als Verwaltungs-, Amts- und Unterrichtssprache zusätzlich zu den Muttersprachen Chinesisch, Malaiisch und Tamil. Sicherlich wird es eine Generation dauern, um in Europa eine gemeinsame Sprache zu etablieren. Dann aber wird ein grenzüberschreitendes Leben, Studieren und Arbeiten in Europa möglich sein. Europaweite Fernsehsender und Zeitungen werden alle Europäer erreichen können. Wenn sich junge Italiener und Dänen in Australien begegnen, werden sie sich in dieser Sprache unterhalten und auf die Frage nach ihrer Herkunft antworten: Wir sind Europäer.

Ein Beck’s auf …

Dieses Werbeplakat sah ich vor einigen Monaten, als ich auf meine Bahn wartete. Nachdem ich den Titel ein erstes, danach ein zweites Mal gelesen hatte, wurde ich unsicher: Ist „Ein Beck’s auf … alle echten Boybands dieser Welt“ richtiges Deutsch? Es klingt ja unverdächtig. Aber müßte es nicht „Ein Beck’s auf … alle echte Boybands dieser Welt“ heißen? Und abgesehen vom Sprachgefühl: Warum ist welche der beiden Varianten richtig? Hmm …

Zunächst fragte ich mich, wo den eigentlich das Prädikat geblieben war in diesem Satz? Es ist ja kein Verb zu finden … Aha! „Ein Beck’s auf …“ ist als Kurzform von „Wir trinken ein Beck’s auf …“, „Lasst uns ein Beck’s trinken auf … !“ oder „Trinkt ein Beck’s auf … !“ zu lesen. Die Sprachwissenschaft spricht von einer Ellipse, weil das Verb „trinken“ ausgefallen ist und έλλειψη (elleipsē) „Mangel“ bedeutet. Solche Ellipsen kommen besonders in der gesprochenen Sprache gerne vor. Insgesamt stellt der Satz einen Aufruf- oder Wunschsatz dar – das ausgefallene Verb kann als im Imperativ stehend gedacht werden.

Wenn wir uns das transitive Verb „trinken auf“ dazudenken, dann muss das Objekt im Akkusativ stehen: Auf wen oder was trinken wir? Auf „echte Boybands“ – und nicht auf „echten Boybands“! Denn genauer betrachtet besteht das Objekt „echte Boybands“ aus dem Nomen „Boybands“ und dem Adjektiv „echt“, das als Attribut des Nomens gebraucht wird. Und gemäß der Regel

„Das attributive Adjektiv (Partizip) kongruiert in Kasus, Numerus und Genus mit dem Substantiv, dessen Attribut es ist“ (Duden „Grammatik der deutschen Gegenwartssprache“, G. Drosdowski (Hrsg.), 4. Auflage, Bibliographisches Institut, Mannheim, 1984)

steht das Attribut „echt“ wie das Nomen „Boybands“ im Akkusativ. Wäre dann also die Variante „Ein Beck’s auf … alle echte Boybands dieser Welt“ richtig?

Bisher haben wir aber das Wörtchen „alle“ übersehen, das neben Attribut und Nomen der dritte Bestandteil des Objekt ist. Das Zahladjektiv „alle“ macht aber gerade den entscheidenden Unterschied aus: Es bewirkt nämlich wie andere Zahladjektive (z.B. „einige“, „manche“ oder „mehrere“), der bestimmte Arktikel „der/die/das“ oder das Demonstrativpronomen „diese/-er/-es“, dass ein nachfolgendes Attribut lediglich schwach dekliniert wird und nicht stark, wie es ohne solche Begleiter der Fall ist. Das bedeutet, dass bei diesem schwachen Deklinationstyp nur die Endungen -e und -en vorkommen, während in der starken Deklination -er, -en, -em, -es und -e auftreten. Die deutsche Grammatik spricht bei der starken Deklination von der pronominalen oder determinierenden Deklination des Adjektivs und bei der schwachen von der nominalen oder attribuierenden Deklination. Deklinieren Sie doch zur Übung „kaltes Wasser“ und „das kalte Wasser“ durch und vergleichen Sie die Endungen des Attributs „kalt“:

Nominativ Sg.     kaltes Wasser        das kalte Wasser
Genitiv   Sg.     kalten Wassers       des kalten Wassers
Dativ     Sg.     kaltem Wasser        dem kalten Wasser
Akkusativ Sg.     kaltes Wasser        das kalte Wasser

Nominativ Pl.     kalte Wasser         die kalten Wasser
Genitiv   Pl.     kalter Wasser        der kalten Wasser
Dativ     Pl.     kalten Wassern       den kalten Wassern
Akkusativ Pl.     kalte Wasser         die kalten Wasser

Nun zurück zum Titel des Werbeplakats. Wie es im Akkusativ Plural „die kalten Wasser“ heißt, so ist auch „Ein Beck’s auf .. alle echten Boybands dieser Welt“ richtig. Ohne „alle“ müßte es hingegen „Ein Beck’s auf … echte Boybands dieser Welt“ heißen. In meinem Kopf hatten sich die beiden Deklinationsschemata vermischt. Diese Verwirrung meines Sprachgefühls findet aber ihr Spiegelbild in der linguistischen Analyse.

Die Trennlinie zwischen der starken und schwachen Deklination ist nämlich tatsächlich nicht so scharf wie man meinen könnte. Zunächst unterlag sie natürlich sprachgeschichtlichen (diachronen) Veränderungen. Aber auch im heutigen (synchronen) Sprachstandard gibt es eine „Grauzone“. So wird beispielsweise nach endungslosen Formen von Zahladjektiven wie manch oder solch stark dekliniert. Und nach kein ist eine Mischung Standard: Im Singular wird stark, im Plural schwach dekliniert. Ähnliche Mischungen finden sich auch bei anderen Zahladjektiven.

„Alternativlos“

Sie habe es wieder gehört, sagte meine Frau heute morgen. Ein Vortragender bei ihrer gestrigen Schulung bezeichnete das Vorgehen des Gesetzgebers als „alternativlos“. Glückwunsch! Der Gebrauch dieses schmucklosen, technokratischen Adjektivs war die Eintrittskarte in diesen Beitrag und verhilft dem unbekannten Herrn zur Ehre, im Folgenden zusammen mit bekannten Personen des öffentlichen Lebens genannt zu werden.

Seit der Finanzkrise taucht das Wörtchen „alternativlos“ vermehrt in Begründungen und Reden deutscher Politiker auf und hat einen zweifelhaften Siegeszug angetreten. Bereits in der 212. Sitzung des Deutschen Bundestags am 20. März 2009 bezeichnete der Abgeordnete Max Straubing die Anhebung des Renteneintrittsalters als „unter diesen Gesichtspunkten (…) letztendlich alternativlos“. Für den Bundesgesundheitsminister war am 19. September des Folgejahres in der Fernsehsendung „Bericht aus Berlin“ „keine vernünftige Alternative“ zu seiner Gesundheitsreform denkbar. Die Rede der Bundeskanzlerin Dr. Merkel im Deutschen Bundestag vom 5. Oktober 2010 trug vermutlich besonders zur Verbreitung dieses harmlos erscheinenden Eigenschaftswortes bei. Sie fand „die zu beschließenden Hilfen für Griechenland (…) alternativlos, um die Finanzstabilität des Euro-Gebietes zu sichern“. Offenbar legen Journalisten diese Vokabel inzwischen sogar Politikern fälschlicherweise in den Mund. So soll die FDP-Landesvorsitzende von Baden-Württemberg Homburger in einem Interview Stuttgart 21 als „alternativlos“ verteidigt haben. Allein im sechsminütigen Interview findet sich hierfür kein Beleg.

Wenn ein Vorschlag, ein Vorgehen oder eine Maßnahme alternativlos, also ohne Alternative ist, dann besagt das, dass es keine „Anderes“, „Zweites“, „Gegensätzliches“ (lat. alter) dazu gibt oder dieses – wenngleich existent – zumindest sinnlos, nicht sachgerecht und nicht erwägenswert ist. Wird ein politisches Vorhaben als alternativlos bezeichnet, nachdem es Gegenstand einer Diskussion oder Debatte war, so mag diese Qualifizierung legitim sein indem sie den Endpunkt der Abwägung von Alternativen markiert. „Alternativlos“ in diesem Kontext ist eine zwar prägnante, aber auch verfälschende Kurzfassung von: „Alle Alternativen des Vorhabens führen zu schlechteren Ergebnissen und wurden daher verworfen“. Das heißt aber auch: Es gab also sehr wohl Alternativen.

Seine verheerende Wirkung entfaltet unser Unwort aber erst, wenn es bereits während der politischen Meinungsfindung fällt oder sogar davor – nämlich um die Suche nach Alternativen a priori zu verhindern und eine Diskussion im Keim zu ersticken. Dies umsomehr, wenn es hochrangige und tonangebende Politiker im Munde führen. Wenn das Resümée „alternativlos“ allzufrüh fällt, ohne das ein hinreichender Austausch von Argumenten vorausgeht, dann ist es schwer verdaulich und hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack. Aus einer Vokabel, die als Fazit einer Entscheidungsbegründung ihre Berechtigung haben mag, wird ein Pseudo-Argument innerhalb der Diskussion.

Es ist kein Zufall, dass es gerade im Zusammenhang mit den komplexen und (angeblich) zeitkritischen Fragestellungen der Finanzkrise von Regierungsseite in den Ring geworfen wurde. In solchen „Krisenzeiten“ sind Alternativen einerseits in kurzer Zeit bei großer medialer Aufmerksamkeit besonders schwer zu bewerten und andererseits sehr folgenreich. Die Entscheider fühlen sich starkem Handlungsdruck ausgesetzt und halten die eingeübten Verfahren der parlamentarischen Demokratie für zu langwierig, ja gefährlich. Ausgiebige Debatten mit der Opposition oder gar in den eigenen Reihen sind unerwünscht.

Im politischen Streit in einer Demokratie ist dieses „Argument“ aber geradezu absurd: Das Vorhandensein von Alternativen ist die notwendige Voraussetzung für die Sinnhaftigkeit von Parteien, Wahlen und Parlamentsdebatten. Welchen Sinn haben Debatten in einem Parlament, wenn nicht die Werbung für und Abwägung von Alternativen? Gerade in den „großen Fragen“ der Politik müssen Alternativen erkennbar sein und diskutiert werden. Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, dass eine „alternativlose“ Sichtweise tatsächlich ohne Alternative ist, dann werden Wahlbeteiligung und Interesse an der politischen Meinungsfindung weiter abnehmen.

Zum Schutze der Demokratie scheint mir die Verbannung des Wörtchens „alternativlos“ aus der politischen Diskussion alternativlos zu sein.