Archiv für den Monat Januar 2013

Berlin

Vor kurzem sind wir von München nach Berlin umgezogen. Natürlich hatten wir dabei eine gewisse Vorstellung von Berlin, manche Erwartungen und Befürchtungen. Beides sind ja sehr bekannte Städte, die in den Medien häufig auftauchen und die über Jahrzehnte ein öffentliches Image erworben haben. Vielleicht sind es sogar die Antipoden unter den deutschen Großstädten: München ist reich, schick und sauber, in Berlin gibt es viel Kriminalität und Dreck. Berlin ist jung, dynamisch und wild, München spießig und satt. In Berlin ist man Döner an der Ecke, in München Weißwürste auf dem Oktoberfest.

Mit solchem „Balast“ beladen sind wir in Berlin auf Wohnungssuche gegangen, haben uns Schulen und Kindergärten angeschaut und leben nun seit einigen Wochen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Unsere Vorurteile und Erwartungen bestätigten sich manches Mal, wurden aber auch oft von unseren Erfahrungen korrigiert oder entpuppten sich als Klischees und Stereotypen. Auch unsere Sicht auf München, wo wir viele Jahre gelebt haben, verändert sich durch den Vergleich mit Berlin. Ein Umzug ist wie eine lange Reise: Er relativiert Gewohnheiten und Bräuche, bringt Festgefügtes ins Wanken, trennt Wesentliches von Belanglosem, enttäuscht (im besten Wortsinne).

„Das“ Berlin gibt es nicht – jeder Bezirk, jeder Stadtteil ist anders. Manchmal sind wir durch eine Straße gegangen, in der wir keinesfalls wohnen wollten. Drei Minuten später standen wir unter großen, alten Bäumen und vor heimelichen Vorgärten. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist im übrigen ein „gutbürgerlicher“ Bezirk und mit anderen, ärmeren Bezirken kaum zu vergleichen.

Wir möchten nun Dich, lieber Leser, an unseren Erfahrungen teilhaben lassen: Es folgen zwölf Aussagen zu „unserem Berlin“ im Vergleich zu „unserem München“ auf. Bitte überlege, ob Du zustimmst oder widersprichst. Im Anschluss kannst Du unsere Erfahrungen nachlesen.

  1. Die Straßen sind in einem schlechteren Zustand. Es gibt viele Schlaglöcher, und die Gehwege sind uneben.
  2. Die Menschen sind weniger freundlich und rücksichtsvoller – beispielsweise beim Einkaufen oder im öffentlichen Nahverkehr.
  3. Das öffentliche Leben erscheint uns weniger hektisch.
  4. Die Menschen sind einfacher gekleidet.
  5. München ist grüner als Berlin.
  6. In Wohnungen werden Heizungsrohre gerne auf Putz verlegt.
  7. Das Klopapier ist größer als in München.
  8. Die S-Bahnhöfe sind dreckiger, und es gibt mehr Graffiti.
  9. Im neuen Kindergarten unseres Sohnes in Berlin ist Läusebefall häufiger als in seinem alten Kindergarten in München.
  10. Die Einhaltung der Schulpflicht wird nicht streng überwacht: Das Schulamt hat lange nicht nachgefragt, ob unsere schulpflichtigen Kinder überhaupt zur Schule gehen.
  11. Ausgediente Weihnachtsbäume kann man einfach an den Straßenrand legen: Sie werden von der Stadtreinigung entsorgt.
  12. In München ziehen sich Handwerker Überzieher aus Plastik über ihre dreckigen Straßenschuhe, um die Böden in der Wohnung nicht zu verschmutzen. In Berlin wird darauf keine Rücksicht genommen.

Und nun also unsere Erfahrungen:

  1. Ja, die Stadt ist eben Pleite! Aber so sind Straßenzüge mit hohen Bäumen, gepflasterten Gehwegen, stilvollen alten Häusern mit Vorgärten erhalten geblieben, durch die Autos langsam über das holprige Kopfsteinpflaster schleichen und in denen wir uns wie aus der hektischen Zeit gefallen fühlen.
  2. Bisher haben wir eher gegenteilige Erfahrungen gemacht: Der Busfahrer erkundigte sich sofort nach unserem Sohn, als dieser leicht gestürzt war. Ein junger Mann stützte eine gebrechliche alte Frau beim Verlassen der Imbissbude. Bei unseren vielen Anrufen in Schulen, Kindergärten und Ämtern wurde uns immer sehr freundlich weitergeholfen.
  3. Ja. Ist im reichen München Zeit Geld? Ach ja – dort muss ja das Vermögen erwirtschaftet werden, das Berlin über den Länderfinanzausgleich zufließt ;-).
  4. Ja.
  5. Natürlich gibt es den herrlichen Englischen Garten und viele Parks in München. Aber das allgegenwärtige Grün in fast jeder Straße und die vielen Vorgärten gefallen uns in Berlin sehr gut.
  6. In der Tat haben wir bei unseren Besichtigungen häufig Heizungsrohre gesehen, die in München hinter dem Putz versteckt sind. Das ist wahrscheinlich billiger beim Bau, aber ungeschickt für den Bewohner: Den Schrank kann man nicht ganz an die Wand stellen und manchmal hört man das Rauschen des Wassers in den Heizungsrohren.
  7. Auch wenn unser Sohn dieser Meinung war als er auf dem stillen Örtchen in Berlin zum Klopapier griff, dürfte sich beim Nachmessen kein Unterschied feststellen lassen.
  8. Bei der Wohnungssuche fuhren wir per S-Bahn durch Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf und stiegen an vielen Haltestellen aus und ein. Die Bahnhöfe waren überraschend sauber, Graffiti sahen wir nur auf der Strecke. In anderen Ecken Berlins sieht das allerdings anders aus.
  9. Die Leiterin des Kindergartens war ganz aufgelöst, als vor einigen Tagen seit Jahrzehnten zum ersten Mal ein Kind ihrer Einrichtung Läuse hatte. In München sind wir in den letzten sieben Jahren sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule häufig dem Thema begegnet. Woran mag das liegen?
  10. Weit gefehlt: Binnen zwei Wochen nach der Anmeldung bei der Meldestelle fragte das Schulamt nach, an welcher Schule unsere schulpflichtigen Kinder angemeldet seien.
  11. Ja, das fanden wir sehr bequem: An einigen Wochenenden im Januar werden Weihnachtsbäume von der Stadtreinigung am Straßenrand eingesammelt.
  12. Nee, anders herum wird ein Schuh daraus: Als der Techniker von der Telekom in Berlin vor unserer Tür stand, zog er sich tatsächlich wie im Krankenhaus eine Plastikfolie über seine vom Schneematsch verschmutzten Schuhe. Genauso machte es der Heizungsbauer. Das kannten wir von München nicht. Sehr aufmerksam!
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