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Zwei Bilder und ich

Zwei Bilder genügen, um das gesamte Spektrum der Gefühle und Meinungen zur Flüchtlingskrise einzufangen und die Zerrissenheit Deutschlands und Europas zu symbolisieren. Das eine Bild entstand Anfang September letzten Jahres, das andere vor einigen Tagen. Auf dem ersten ist ein Geflohener zu sehen, wie er ein Selfie mit der freudig strahlenden deutschen Bundeskanzlerin schießt. Das zweite zeigt die Vorderseite eines Busses mit verängstigten Flüchtlingen in Sachsen, der von einem wütenden und skandierenden Mob bedrängt wird.

Beim ersten Betrachten dieser Bilder sind meine Gedanken noch klar und meine Gefühle unzweideutig. Was sind das für Unmenschen! Ich will doch nicht, dass Kinder vor Angst weinend in Deutschland ankommen, nachdem sie gerade Krieg und Elend hinter sich gelassen haben. Das zweite Bild zeigt sicher nicht „mein Deutschland“, das erste hat all meine Sympathie.

Doch dann sehe ich den Bus des Unternehmens „Reiselust“ in einer libanesischen Nachrichtensendung wieder. Mich begann die Frage zu irritieren, welche Wirkung solche Bilder bei anderen Betrachtern, etwa in Syrien, Libanon und Afghanistan entfalten mögen? Das Selfie mit Frau Merkel nährt die Hoffnung vieler Elender auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Der Mob in Clausnitz keineswegs. Möchte ich weitere Flüchtlinge mit dem ersten Bild, das mir doch so viel besser gefällt, nach Deutschland „einladen“? Ist dies das richtige Signal angesichts der beträchtlichen Migrationsströme auf der einen und der Tatsache auf der anderen Seite, dass sich mehr und mehr Länder gegen Flüchtlinge abschotten, ihre Grenzen schließen und eine europäische Lösung in weiter Ferne ist? Kann Deutschland das „Versprechen“ dieses Bildes tatsächlich einlösen?

Verwirrt rufe ich mir zu: Aber es kann und darf doch nicht sein, dass ich den Untaten der angeblich „besorgten Bürger“ etwas Gutes abgewinne! Muss Deutschland Flüchtlinge etwa „abschrecken“? Ist das erste Bild vielleicht gut gemeint, aber in seiner Wirkung schlecht gemacht? Verläuft hier die Grenze zwischen dem einzelnen, Hilfe suchenden Fremden und dem anonymen Flüchtlingsstrom? Sind die „Gutmenschen“ diejenigen, die dem Einzelnen helfen wollen und dabei das Massenphänomen mit seinen eigenen Regeln und politischen und gesellschaftlichen Implikationen ignorieren? Dort Gesinnungs-, hier Verantwortungsethik? Und auf welcher Seite stehe ich?

Zwischen diesen Fragen zeichnet sich zumindest eine Erkenntnis ab. Es ist bequem und naiv zugleich, in unserem globalisierten digitalen Zeitalter solche Bilder nur durch die eigene Brille zu betrachten und ihre Wirkung auf Menschen in „fernen“ Ländern auszublenden. Weniger Geschrei und Beschimpfungen, dafür mehr Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit täten der Debatte in unserem Land gut. Richtig bleibt aber auch: Die Taten des Mobs in Clauswitz sind weder gutzuheißen noch zu entschuldigen.

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„Der Stimmungsumschwung“

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© „Süddeutsche Zeitung“, 18.1.2016

Der Zuspruch für Frau Merkels Flüchtlingspoltik hat sich zwischen Mitte Dezember 2015 und Mitte Januar diesen Jahres also verflüchtigt. Köln lässt grüßen! War die Aufregung der Spitzenpolitiker also berechtigt? Oder haben gerade die hitzigen, schrillen „Diskussionen“ die Ängste in der Bevölkerung verstärkt?

„Der Tagesspiegel“ unterstützt den islamistischen Terrorismus!

Eine Polemik

Gut, ich bin selbst schuld. Ich weiß, man sollte in zweitklassigen Tageszeitungen bestenfalls den Sport-Teil aufschlagen oder die Lokalnachrichten lesen, die ersten Seiten zu Themen nationaler oder gar internationaler Tragweite aber tunlichst meiden.

Zu meiner Entschuldigung möchte ich anführen, dass die mit den Signalfarben Gelb und Rot geschwängerte halbseitige Weltkarte auf Seite 2 des „Tagesspiegel“ vom 11. September 2015 (!) auch an mir ihren Zweck verrichtete – und mich zur Lektüre des dazugehörigen Beitrag verleitete, der unter dem Titel „Weltkrieger“ die Frage stellte, ob „es für den islamistischen Terror keine Grenzen“ mehr gebe?

Orte des Terrors

Der Autor fühlte sich an diesem „historischen“ Tag offensichtlich berufen, sich aus den Tiefen des Berliner „Tagesspiegels“ in die Höhen des analytischen Groß-Journalismus aufzuschwingen. Eine verkaufsfördernde Info-Grafik durfte natürlich nicht fehlen – aber offentsichtlich auch nicht zu viel Mühe machen. Schwups wurden alle Länder, in denen seit dem 11. September 2001 der „islamistische Terrorismus“ in irgendeiner Weise in Erscheinung getreten war, vollflächig gelb-rot eingefärbt – geht ja ruckzuck mit Photoshop® & Co.

Im Ergebnis tobt die stilisierte Feuersbrunst in einem Land wie Syrien, in dem Millionen Menschen vor einem blutiger Bürgerkrieg geflüchtet sind, ebenso wie in Kanada, wo ein (!) Islamist 2014 in Ottawa einen Soldat und das Parlament angreift und selbst getötet wird. Natürlich ist auch in Australien überall (auch in der menschleeren Simpson Desert und in den Wäldern Tasmaniens) mit Anschlägen zu rechnen. Und während hinter jedem Fahrrad in China der „islamistische“ Uigure lauert, versetzen seine Gesinnungsgenossen die vereiste Inselwelt Nordkanadas in Angst und Schrecken.

Man könnte ja lachen über dieses plumpe Machwerk, wenn dessen Wirkung auf den unbedarften Betrachter nicht so grausig wäre. Die Botschaft ist doch, dass der „islamistische Terrorismus“ die halbe Welt in Brand gesteckt hat und man sich nirgends mehr sicher fühlen kann. Spiegelt das wirklich das Lebensgefühl der Inder, Iraner oder Chinesen wieder?

Ein Wesensmerkmal des „islamistischen Terrorismus“ scheint mir zu sein, dass er seine Gegner verunsichern, einschüchtern und verängstigen will. Dem „Tagesspiegel“ gelingt das wirklich vortrefflich.